Mit unserer Rubrik RGC fragt nach veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Kurz-Interviews mit Innovatoren, Experten und anderen spannenden Persönlichkeiten, um gemeinsam über den Tellerrand zu schauen. 

Im zweiten Teil unserer Interview-Reihe spricht Frau Dr. Franziska Lietz mit Herrn Tobias Meßmann von der Winkelmann Group GmbH & Co. KG, die im letzten Jahr die Stromautarkie ihres Industriestandortes in Ahlen umgesetzt hat und so eine vollständige EEG-Umlagefreiheit für den gesamten selbstverbrauchten Strom erreicht hat. Weitere ähnliche Projekte sind bereits in Planung, allerdings stellt die kommende CO2-Steuer ein besonderes Risiko für die Umsetzung dar.

Herr Meßmann, könnten Sie uns kurz beschreiben, mit welchen Mitteln Sie an Ihrem Produktionsstandort die Stromautarkie umgesetzt haben? 
Wir betreiben an unserem Produktionsstandort sechs BHKW mit je 1,5 MW el und 1,6 MW thermischer Leistung. Die machen bei uns die Arbeit und müssen unseren Strombedarf von 19 Mio. kWh decken. 
Die Herausforderung ist vor allem, dass wir einen sehr volatilen Lastgang haben: Am Wochenende bleibt es bei 400 kW und in der Woche sind es zwischen 2,5 und 3 MW. Es entstehen zudem Lastspitzen von bis zu 1 MW. Diese Spitzen fangen wir mit zwei Schwungmassen ab. Diese leistungsstarken Schwungmassen können 1,5 MW Leistung in 25 Millisekunden zur Verfügung stellen. Damit sind die Schwungmassen sozusagen die „führende Größe“, um die Autarkie ohne Nachteile für die Produktion umsetzen zu können. Damit bei Ausfällen der Produktion keine Überspannung entsteht, setzen wir die Schwungmassen bei Bedarf auch als „Stabilizer“ ein, d.h. zum Verbrauch überschüssiger elektrischer Energie. 
Zusätzlich betreiben wir eine Batterie mit 980 kW Leistung und 1 MW Kapazität. Wenn ein BHKW bspw. im vollen Lauf ausfällt, übernimmt zuerst die Schwungmasse, kurze Zeit später springt die Batterie zur Überbrückung des Ausfalls an. Wer sich für die Details interessiert, kann sich auch ein kurzes Video auf  Youtube  über das Projekt anschauen. 
Das klingt nach einem sehr durchdachten Konzept. Wieviel Zeit ist zwischen den ersten Überlegungen bis zur völligen Strom-Autarkie vergangen?
Vor sechs Jahren, als ich in das Unternehmen kam, haben wir uns als Ziel gesetzt, dass wir eines Tages an allen Standorten weltweit nicht nur strom-, sondern sogar energieautark sein möchten. Ursprünglich wollten wir in Deutschland damit beginnen, durch den Einsatz von Windenergieanlagen zunächst teilautark zu werden. Probleme gab es allerdings wegen des Artenschutzrechts, weil sich bei uns windkraftsensible Arten angesiedelt hatten. Dann kamen vor einigen Jahren auch die neuen Regelungen des EEG zu Ausschreibungen von Windenergieanlagen, die eine gleichzeitige Eigenversorgung ausschließen, womit das Projekt in dieser Form endgültig scheiterte. Das Thema Windkraft wird aber in anderer Form weiterverfolgt.
Nachdem wir eine Autarkie über BHKW zunächst mit einer Masterarbeit wirtschaftlich geprüft haben, sind wir ab Anfang 2017 in die Planung des heute umgesetzten Konzeptes eingestiegen. Ende 2017 wurde dann mit einem Dienstleister der Vertrag unterzeichnet, Anfang 2018 die Einkaufsprozesse gestartet und Anfang März 2018 mit der Bauausführung begonnen. Im Oktober 2018 haben wir die Kaltinbetriebnahme vorgenommen und im November folgten die vierwöchigen Lastbanktests, um die Anlage auf Herz und Nieren zu prüfen, z.B. für Extremsituationen. Im Laufe des Dezembers wurden die Stationen nacheinander vom Netz genommen und seit dem 19.12.2018 sind wir vollständig stromautark. Und seitdem läufts.
Ihr Unternehmen ist im Bereich Heizung und Wasser aber auch als Zulieferer für die Branchen Automotive sowie Luft- und Raumfahrt tätig. Würden Sie sagen, dass Ihr damit sehr innovatives Geschäftsfeld begünstigt hat, sich auch in eigener Sache an zukunftsweisenden Projekten zu erproben?
Nicht unbedingt. Wir sind vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen in die Autarkie gegangen, denn das Projekt ist für uns wirtschaftlich. Unser Bestreben war es vor allem, unabhängig zu sein. Dass wir dafür auch innovativ sein mussten, ist eher ein Nebeneffekt, auf den wir aber natürlich auch stolz sind. 
Würden Sie sagen, dass in Ihrem Industriezweig die Ausgangsbedingungen für Autarkie besonders günstig sind oder ist dies industriezweigunabhängig? 
Eigentlich ist unser Industriezweig sogar eher ungünstig für ein derartiges Projekt, da wir keine wärmegeführten Prozesse haben und daher zunächst nicht wussten, was wir mit der Wärme aus den BHKWs machen sollten. In der Lebensmittelindustrie wären die Bedingungen wegen des hohen Wärmebedarfes beispielsweise viel günstiger. Aber wir haben Lösungen gefunden, die das Projekt für uns dennoch wirtschaftlich machen, z.B. durch den Einsatz von Absorptionskältemaschinen und die Direktlieferung von Wärme an benachbarte Unternehmen und Haushalte. 
Ist das Projekt von Anfang an wie geplant verlaufen oder gab es Überraschungen? Wenn ja, welche waren dies?
Bis zum ersten Tag der Autarkie hat der Wechselrichter der Batterie nicht richtig funktioniert. Erst Anfang April 2019 war die Batterie voll einsatzfähig. Das war ein holpriger Start, aber es hat dennoch funktioniert. Damit konnten wir sogar zeigen, dass es mit einer modifizierten Steuerung der BHKWs auch ohne Batterie funktioniert. Allerdings ist es deutlich wirtschaftlicher, wenn auch die Batterie eingesetzt wird. 
Außerdem sind wir zwar stromautark, aber derzeit noch von der Erdgasversorgung mit L-Gas aus der Niederlande abhängig. Falls diese einmal nicht zur Verfügung steht, haben wir uns mit einem Dieselaggregat abgesichert und zudem die Möglichkeit, CNG, also Compressed Natural Gas, einzusetzen. 
Dass Sie weitere Autarkieprojekte planen oder sogar schon umgesetzt haben, belegt, dass Sie mit dem Ergebnis Ihres Projektes zufrieden sind. Was würden Sie anderen Unternehmen, die ihren Industriestandort stromautark betreiben möchten, mit auf den Weg geben? 
Es gibt meiner Meinung nach drei Punkte, die man bei einem derartigen Projekt beachten sollte: 
  • Man sollte den Gaspreis durch langfristige Gaslieferverträge absichern.
  • Man sollte in eine gute Rechtsberatung investieren, um im Hinblick auf die komplexen rechtlichen Anforderungen abgesichert zu sein. Und das sage ich jetzt nicht nur, weil Sie von Ritter Gent mich gerade interviewen.
  • Man sollte außerdem auch selbst die aktuellen Gesetzesänderungen ständig im Blick behalten, z.B. könnte die kommende CO2-Steuer das Projekt bedrohen. Wir werden die Entwicklung in diesem Bereich also besonders intensiv beobachten.